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von psychosozial 131, Heft 2013, I (erscheint im März)

 

Schwerpunktthema: 

 

Symbolbegriff und Symboltheorie in

Psychoanalyse und Gruppenanalyse 

 

Die Beiträge des Themenschwerpunktes sind einer Debatte gewidmet, die in der Gruppenanalyse wenn überhaupt, dann bisher nur im Verborgenen geführt worden ist. Das mussten zu ihrer Überraschung auch die Herausgeber im Hinblick auf die Resonanz ihrer Interessen feststellen, hatten sie doch beide über Jahre ähnliche Themen verfolgt. Die Gruppenanalyse verfügt bisher weder über einen eigenen Symbolbegriff noch über einen eigenen ausgebauten Zugang zu Grundfragen der Symboltheorie. Soweit sie den damit verbundenen Problemkomplex überhaupt zur Kenntnis nimmt, behilft sie sich mit Anleihen, vorzugsweise aus der Psychoanalyse, die allerdings nicht selten hinter dem dort erarbeiteten Problembewusstsein zurückbleiben. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass S.H. Foulkes als Psychoanalytiker in seinem ersten Buch Introduction to Group Analytic Psychotherapy (1948) den Begriff der »Kommunikation« als Grundbegriff der gruppenanalytischen Theorie und Praxis eingeführt hat. Indem er – ausgehend von Freuds Methode der »freien Assoziation« – den Begriff der Gruppenassoziation als neuen Bezugsrahmen einführte und diesen dann als Grundlage der Gruppendynamik auswies, gelang es ihm zugleich, die Grundlagen des psychoanalytischen Krankheitsverständnisses mit einer Theorie der Kommunikation zu verbinden. Insofern konnte Foulkes – freilich nicht ohne Widersprüche und Friktionen – orthodoxer Freudianer sein und Gruppenanalytiker werden.

Was bei ihm jedoch unter den Bedingungen des ihm aufgezwungenen Exils in den Hintergrund trat und sein auf Englisch erschienenes erstes Buch nicht vermittelte, war, dass wichtige Konzepte, die dern gruppenanalytischen Zugang zum Unbewussten und der gruppenanalytischen Kommunikationstheorie zugrunde liegen, an symboltheoretische Voraussetzungen gebunden waren. Obwohl Foulkes in diesem Buch gleich auf den ersten Seiten und auf engsten Raum die neurobiologischen Thesen seines Lehrers Kurt Goldstein referierte, ohne diesen beim Namen zu nennen, verschwieg er doch deren wissenschaftliche Grundlage. Erst der Dialog zwischen Goldstein und seinem Cousin, dem Philosophen Ernst Cassirer im Frankfurt der 20er Jahre, ein Dialog, dessen Tragweite wir erst seit Kurzem kennen, stiftete den wechselseitigen Verweisungszusammenhang zwischen Neurobiologie und philosophischer Symboltheorie, der dem ganzheitlichen Verständnisses des »Organismus« im Sinne von Goldstein zugrunde liegt. Auch wenn Foulkes als Gruppenanalytiker die symboltheoretischen Aspekte im Werk von Goldstein später scheinbar fallen gelassen hat, tauchen sie doch – und sei es implizit – in seinem Begriff der Kommunikation wieder auf.

Neben der neurobiologischen Forschung von Kurt Goldstein ist das soziologische Denken von Norbert Elias die wichtigste Quelle, aus der Foulkes Anregungen für den Übergang von der Psychoanalyse zur Gruppenanalyse geschöpft hat. Trotz des Buches von Farhad Dalal Taking the Group Seriously, in dem die Symboltheorie des späten Elias als Leitfaden dient, ist bisher im gruppenanalytischen Diskurs zu wenig beachtet worden, dass das Lebenswerk von Elias in einer symboltheoretischen Schrift seinen Abschluss findet und dass die Ausgangspunkte für dieses Spätwerk sich schon in Arbeiten finden, die aus der Phase der engen Kopperation zwischen Elias und Foulkes in den 30er und 40er Jahren stammen. Zweifellos ist die Verbindung von Psychoanalyse, Neurobiologie und Soziologie, aus der das gruppenanalytische Denken entstanden ist, nicht ohne Inkohärenzen und innere Widersprüche. Im historischen Rückblick stellt sich aber heraus, dass das Symbolproblem als inneres Band dienen könnte, das es ermöglicht, diese drei Quellen des Foulkes'schen Denkens stärker aufeinander zu beziehen und enger miteinander zu verknüpfen.

Wie die Geschichte der Gruppenanalyse zeigt, war der Preis für das Fallenlassen des Symbolischen hoch. So innovativ die Entwicklung der gruppenanalytischen Methode des Zugangs zum Unbewussten in Gruppen und ihres Settings auch waren, so gingen sie doch, was den Symbolbegriff betrifft, kaum über Freud hinaus. Dem psychoanalytischen Symbolbegriff sensu Ernest Jones (1916) verpflichtet, gibt es im Werk von Foulkes eine unaufgelöste Spannung zwischen einem individualistischen Symbolbegriff, der im Symbol lediglich den Ausdruck des Verdrängten erkennen kann, und der Bindung des Bewusstseins an die Sprache, die offenkundig ein Gruppenphänomen ist. Demgegenüber hat die Symbolforschung außerhalb der Psychoanalyse im 20. Jahrhundert den kollektiven Aspekt des Symbolischen energisch ins Blickfeld gerückt und damit diese Spannung noch verschärft. Im Anschluss daran hat sich aber auch die Psychoanalyse selbst nach dem Zweiten Weltkrieg symboltheoretisch weiterentwickelt. Hier sind natürlich die symboltheoretischen Arbeiten der Kleinianer Segal, Bion und Meltzer erwähnenswert. Im vorliegenden Zusammenhang sind dafür jedoch vor allem zwei Psychoanalytiker paradigmatisch, deren Werke diese Entwicklung in Frankreich und Deutschland wesentlich vorangetrieben haben. Der eine, Jacques Lacan, gehörte als Freudianer derselben Generation an wie Foulkes und der andere, Alfed Lorenzer, war als Psychoanalytiker ein Exponent der zweiten Generation der Frankfurter Schule.

Es war Lacan, der im Ausgang von der strukturalen Linguistik Saussures und der strukturalistischen Anthropologie von Lévi-Strauss in den 50er Jahren zeitgleich mit Foulkes die Bedeutung der menschlichen Sprache und der Kommunikation akzentuierte und die psychoanalytische Theorie und Praxis symboltheoretisch reformulierte, indem er die symbolische gegenüber der imaginären Übertragung privilegierte und die Praxis der Deutung strikt auf die des Signifikanten beschränkte. Zwei Jahrzehnte später legte Alfred Lorenzer seine begriffs- und theoriegeschichtliche Studie Kritik des psychoanalytischen Symbolbegriffs vor, die bei ihm zum Ausgangspunkt eines groß angelegten Versuchs wurde, die wachsende Isolation des psychoanalytischen Symboldiskurses vom Mainstream der Symbolforschung zu durchbrechen und dabei die Eigenständigkeit des psychoanalytischen Zugangs zum Symbolproblem zur Geltung zu bringen. Er hat dabei unter anderem Ernst Cassirer und Susan K. Langer, die mit Cassirer in dessen letzten Lebensjahren eng zusammengearbeitet hat, zu Kronzeugen (s)einer symboltheoretisch fundierten »Metatheorie« der Psychoanalyse gemacht. Historisch betrachtet knüpfen Foulkes, Lacan wie auch Lorenzer damit an Debatten an, die im Vorkriegsdeutschland der 20er und 30er Jahre geführt wurden und dann in der Katastrophe der nationalsozialistischen Diktatur untergegangen sind.

Auf die Bedeutung vergleichbar fruchtbarer Debatten im nachrevolutionären Russland, die im Stalinismus ein ähnliches Schicksal erlitten haben, hat vor mehr als einem Jahrzehnt Malcolm Pines als Gruppenanalytiker hingewiesen. Dabei haben ihm zufolge Lev Vygotskij und Michail Bachtin aus entwicklungspsychologischer bzw. sprachphilosophischer und literaturtheoretischer Sicht neue Zugänge zum Symbolproblem eröffnet, die sich ohne große Kohärenzprobleme in das gruppenanalytische Denken integrieren lassen. Es ist in diesem Zusammenhang kaum bekannt, dass Vygotskij und Bachtin ihre Konzepte in einem engen internationalen Gedankenaustausch insbesondere mit der deutschen Gestaltpsychologie vor 1933 und Cassirers Symbolphilosophie ausgearbeitet haben.

Es wäre falsch, mit Blick auf diese Entwicklungen anzunehmen, dass die darin aufgeworfenen Fragen und Probleme ihrer Substanz nach nur mehr historischer Natur wären. Das ist ganz und gar nicht der Fall. Mit der Öffnung der Gruppenanalyse etwa für den Ansatz der mentalisierungsbasierten Psychotherapie gewinnen diese heute eine neue, ungeahnte Aktualität und Dringlichkeit. So ist beispielsweise der Versuch, eine konzeptionell tragfähige Verbindung zwischen Mentalisierung und Symbolisierung in der Gruppe herzustellen, notwendig zum Scheitern verurteilt, solange die Gruppenanalyse zur Symboltheorie selbst keinen eigenständigen Beitrag zu leisten vermag. Aber auch im Rahmen der nicht modifizierten, sogenannten »klassischen« Gruppenanalyse stellen sich Fragen, die ohne Rekurs auf symboltheoretische Prämissen und Perspektiven inhaltlich kaum gehaltvoll diskutiert werden können. Etwa: Was sind die Mittel des Kommunikationsprozesses in der Gruppe? Wie wirken genetische Programmierung, kulturelle Traditionsbildung und Sozialisation bei der Hervorbringung und Weitergabe dieser Mittel zusammen? Wie ist das Verhältnis von individueller Mitteilung und dem kollektiven Bestand an Mitteilungsformen in der jeweiligen Gruppe? Was unterscheidet unbewusste von bewusster Kommunikation in der Gruppe? Wie verändert sich der Begriff des dynamisch Unbewussten in der Analyse von Gruppenprozessen?

Aktuelle Entwicklungen im Kontext des Symbolproblems werden in den beiden Buchbesprechungen am Ende des Heftes aufgegriffen. Ein ausführlicher Buch-Essay würdigt Michael Tomasellos Grundlagenwerk Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Für eine gruppenanalytische Kommunikationsauffassung ist die hier hervorragend gelungene Verbindung von phylogenetischer und ontogenetischer Perspektive außerordentlich lehrreich. Indem Tomasello die Genese der Symbole als soziale Konventionen situativ verankert, macht er deutlich, dass in jeder kommunikativen Situation sich zugleich eine Beziehungsgemeinschaft und eine Bedeutungsgemeinschaft herstellt und dass beide Gemeinschaften nicht voneinander zu trennen sind, aber keineswegs deckungsgleich sein müssen. Der Primat der kommunikativen Absicht und der geteilten Intentionalität vor der individuellen Mitteilung, der für Tomasello der Schlüssel zum Verständnis der menschlichen Kommunikation ist, ermöglicht eine entschiedene Abkehr von einem individualistischen Bewusstseinsbegriff, die sich bei der Entwicklung eines gruppenanalytischen Begriffs des dynamisch Unbewussten als sehr hilfreich herausstellen kann. In der Rezension von Macario Giraldos Buch The Dialogues in and of the Group wird abschließend das erste Buch vorgestellt, das eine originär lacanianische Perspektive im Hinblick auf die analvtische Gruppe entwickelt und ihre Umsetzung in der therapeutischen Praxis demonstriert. Mit seiner Unterscheidung der Dialoge in der Gruppe und des Dialogs »der« Gruppe gelingt es dem Verfasser, Lacans grundlegende Unterscheidung zwischen denm Registerns des Imaginären und  dem Register des Symbolischen für die Auffassung des Gruppenprozesses fruchtbar und in ihrer Relevanz für die analytische Arbeit in Gruppen verständlich zu machen. Dabei wird einmal mehr deutlich, dass die Bedeutung des Symbolischen nicht nur theoretisch, sondern auch klinisch von zentralem Interesse ist.

Thomas Mies & Dieter Nitzgen